„Sich aus dem Grab herausdenken: TRANSGALACTICAs aufgeklärte Danse Macabre“
- Aurora Linse
- 24. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit

TRANSGALACTICAs „Danse Macabre“ gehört zu jenen seltenen Stücken, die sich zugleich wie eine Vorlesung, ein Witz und eine Séance anfühlen – und es dennoch schaffen, diese Mischung tanzbar zu machen. Mit dem skelettalen Grinsen aus Saint-Saëns’ berühmtem Walzer und einem augenzwinkernden Verweis auf Bachs Weihnachtsoratorium hüllt der Song aufklärerischen Rationalismus in funerale Seide. Er ist klug, ein wenig selbstgefällig, seltsam aufmunternd und bewusst verstörend.
Im Kern ist „Danse Macabre“ ein Argument, in Musik gegossen. Der Text führt einen ganzen Katalog kognitiver Sünden vor – Klagen, Verurteilen, Projizieren, Hexenjagd –, viele davon direkt aus Steven Pinkers Kritik am Pessimismus und an schlechtem Denken entlehnt.
TRANSGALACTICA begnügen sich nicht mit bloßen Anschuldigungen; sie zählen auf, schichten Gerundien übereinander, bis man sich fast allein von der Grammatik angeklagt fühlt. Der Effekt ist vorwurfsvoll und zugleich spielerisch, wie das Tadeln eines amüsierten Philosophen, der dennoch darauf besteht, dass man am Walzer teilnimmt.Gerade die „seltsame Botschaft“ des Songs ist seine größte Stärke. Während die Musik düster und zeremoniell klingt, ist die zugrunde liegende These leise optimistisch: Die Menschen sind weit glücklicher, als ihr von Untergangsstimmung geprägtes Weltbild vermuten lässt. Diese Spannung spiegelt die gut dokumentierte Kluft zwischen persönlichem Wohlbefinden („Mir geht es eigentlich ganz gut“) und globalem Pessimismus („Die Welt geht vor die Hunde“) wider. Indem diese Einsicht als Danse Macabre inszeniert wird – als Totentanz, der traditionell an die Fragilität des Lebens erinnert –, unterläuft die Band die Erwartungen. Ja, die Geschichte ist von Leid durchtränkt, doch gerade deshalb ist Fortschritt bedeutsam, und gerade deshalb verdienen irrationale Nostalgie oder apokalyptisches Denken Spott.
Musikalisch bekennt sich der Track voll und ganz zu TRANSGALACTICAs Vorliebe für klassische Musik. Es gibt keine Gitarren oder Schlagzeuge im Rock-Sinn; stattdessen schaffen Synthesizer, orchestrale Texturen und tiefe, beunruhigende Grollgeräusche einen Raum, der irgendwo zwischen barockem Ballsaal und dystopischem Hörsaal liegt. Der Walzerrhythmus hält alles in Bewegung, selbst wenn der Refrain dunkler und urteilender wird – als hätte die Vernunft selbst die Tanzfläche betreten, um die Menge streng zu mustern.
„Danse Macabre“ ist kein Stück für Hörerinnen und Hörer, die emotionale Beichte oder einfache Katharsis suchen. Es verlangt Aufmerksamkeit, Nachdenken und die Bereitschaft, über die eigenen fehlerhaften Intuitionen zu lachen. Wer sich jedoch auf Herausforderung – und vielleicht eine sanfte Korrektur – einlässt, wird mit einem erfrischenden, intellektuell schelmischen Musikstück belohnt. TRANSGALACTICA gelingt das seltene Kunststück, rationalen Optimismus dramatisch, theatralisch und – ja – auf eigentümliche Weise freudvoll klingen zu lassen.



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