„Eine unbequeme Krone: Mit dem Unbehagen von PRINCIPESSA von ciliegia suicidio leben“
- Aurora Linse
- 25. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

PRINCIPESSA von ciliegia suicidio ist eine Veröffentlichung, die nicht so sehr um Aufmerksamkeit bittet, sondern einen eher still dazu herausfordert, wegzusehen. Als Album konzipiert und nicht als einzelne Single entfaltet es sich weniger wie eine Sammlung von Songs, sondern vielmehr wie eine Stimmung, in die man zufällig hineingerät und die sich nicht so leicht abschütteln lässt. Es ist bewusst abstoßende Musik – stellenweise schroff, andernorts emotional undurchsichtig – und dieses Unbehagen wirkt nicht wie ein Nebeneffekt, sondern wie ein zentraler Bestandteil ihrer Identität.Stilistisch entzieht sich PRINCIPESSA einer einfachen Einordnung. Es bewegt sich in einem Raum, in dem Melodien leicht verrückt wirken, Texturen aneinander reiben und vertraute musikalische Wegweiser gerade so weit verbogen sind, dass sie unzuverlässig erscheinen. Die Produktion klingt oft roh und ungeschliffen, fast so, als würde Klarheit dem eigentlichen Anliegen widersprechen.
Diese Musik ist nicht dafür gemacht, zu beruhigen oder Sicherheit zu geben; sie verunsichert, stichelt und lässt lange Pausen dort, wo man normalerweise Antworten erwarten würde. Die italienische Sprache spielt dabei eine entscheidende Rolle – nicht nur als Identitätsmerkmal, sondern als emotionaler Filter. Selbst für Hörer*innen, die nicht jedes Wort verstehen, verleihen Rhythmus und Klang der Sprache dem Ganzen eine zusätzliche Ebene von Spannung und Intimität. Was Hörer*innen von PRINCIPESSA vor allem erwarten können, ist ein anhaltendes Gefühl des Zweifelns – an Bedeutung, an Absicht und, wie das Album nach und nach andeutet, an der Beschaffenheit des Lebens selbst. Es gibt kein explizites Manifest, keine sauber erklärte Inspiration. Tatsächlich ist die Entstehungsgeschichte beinahe anti-mythisch: Der Künstler fragte nach den .wav-Dateien, und sie wurden ihm einfach gegeben.
Dieser nüchterne Austausch spiegelt die grundsätzliche Weigerung des Albums wider, seine eigene Entstehung zu romantisieren. Kunst passiert; Bedeutung ist optional. Ist diese Veröffentlichung im klassischen Sinne „bemerkenswert“? Vielleicht nicht. Sie jagt keiner Innovation um ihrer selbst willen hinterher und scheint auch nicht besonders daran interessiert zu sein, hervorzustechen. Und doch ist es genau diese Gleichgültigkeit, die PRINCIPESSA seine leise Kraft verleiht. In einer Landschaft voller glattpolierter Erzählungen und überhöhter Konzepte bietet ciliegia suicidio etwas Unbeholfeneres und Ehrlicheres – ein Werk, das existiert, einfach weil es existiert.Praktisch überall verfügbar, wo man Musik finden kann, wird PRINCIPESSA nicht für jeden sein. Doch für Hörerinnen, die bereit sind, sich auf Unbehagen, Ambivalenz und ein schleichendes existenzielles Unwohlsein einzulassen, bietet es eine eigentümlich fesselnde Erfahrung – eine, die sich nicht auflöst, sondern nachhallt.



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